Warum sich die freiwillige gesetzliche Krankenversicherung oft nicht lohnt
Die freiwillige gesetzliche Krankenversicherung gilt als sozialer und günstiger Weg der Krankenversicherung. Doch diese weit verbreitete Annahme erweist sich bei genauerer Betrachtung oft als teurer Trugschluss. Besonders Familien mit Kindern erleben böse Überraschungen, wenn sie die wahren Kosten der freiwilligen GKV durchrechnen.
Inhalt des Artikels
Der große Irrtum: „Freiwillig“ bedeutet nicht „günstig“
Viele Menschen denken, die freiwillige gesetzliche Krankenversicherung sei eine kostengünstige Alternative zur privaten Krankenversicherung. Diese Annahme basiert auf dem bekannten GKV-Beitragssatz von etwa 14,6 Prozent plus Zusatzbeitrag. Was dabei übersehen wird: Bei freiwillig Versicherten greift die Mindestbemessungsgrundlage, die 2025 bei stolzen 1.248,33 Euro monatlich liegt.
Das bedeutet konkret: Selbst wenn Sie kein Einkommen haben oder deutlich weniger verdienen, müssen Sie so rechnen, als würden Sie 1.248,33 Euro monatlich verdienen. Darauf wird dann der volle Beitragssatz angewendet. Mit einem durchschnittlichen Beitragssatz von 16,3 Prozent (inklusive Pflegeversicherung von 3,6 Prozent) zahlen Sie als freiwillig Versicherter mindestens 203,48 Euro pro Monat – und das für jede Person einzeln.
Die Familien-Kostenfalle: Jedes Kind zahlt einzeln
Besonders schmerzhaft wird es für Familien. Während Kinder in der Pflichtversicherung über die Familienversicherung kostenfrei mitversichert sind, gibt es diese Möglichkeit bei freiwillig versicherten Eltern nicht. Jedes Kind benötigt eine eigene freiwillige Versicherung und zahlt den vollen Mindestbeitrag.
Rechenbeispiel Familie Müller:
- Vater: freiwillig gesetzlich versichert = 203,48 €/Monat
- Mutter: freiwillig gesetzlich versichert = 203,48 €/Monat
- Kind 1: freiwillig gesetzlich versichert = 203,48 €/Monat
- Kind 2: freiwillig gesetzlich versichert = 203,48 €/Monat
Gesamtkosten pro Monat: 813,92 Euro Gesamtkosten pro Jahr: 9.767,04 Euro
Zum Vergleich: Eine hochwertige private Krankenversicherung für die beiden Kinder würde etwa 200-300 Euro monatlich kosten – bei deutlich besseren Leistungen.
Lebensphasen-Risiken: Wenn das Einkommen wegfällt
Elternzeit: Der Mindestbeitrag bleibt
Während der Elternzeit reduziert sich das Einkommen drastisch, oft auf das Elterngeld von maximal 1.800 Euro monatlich. Doch der Krankenkassenbeitrag bleibt bei der Mindestbemessungsgrundlage hängen. Eine Familie zahlt also weiterhin über 400 Euro monatlich für zwei Elternteile, obwohl das verfügbare Einkommen stark gesunken ist.
Selbstständigkeit: Doppelt bestraft
Selbstständige tragen die volle Beitragslast allein – ohne Arbeitgeberanteil. Bei der Mindestbemessungsgrundlage von 1.248,33 Euro zahlen sie 203,48 Euro monatlich, auch wenn ihr Gewinn deutlich darunter liegt. In schlechten Geschäftsjahren kann dies existenzbedrohend werden.
Renteneintritt: Die späte Ernüchterung
Viele freiwillig Versicherte hoffen, im Rentenalter automatisch in die günstigere Krankenversicherung der Rentner zu wechseln. Doch diese Hoffnung erfüllt sich nur bei Erfüllung der Vorversicherungszeiten. Wer diese nicht erreicht, bleibt freiwillig versichert und zahlt auch bei einer kleinen Rente den Mindestbeitrag.
Die versteckten Zusatzkosten
Zusatzbeiträge treiben Kosten hoch
Der gesetzliche Beitragssatz ist nur die halbe Wahrheit. Jede Krankenkasse erhebt zusätzlich einen individuellen Zusatzbeitrag, der zwischen 1,3 und 2,7 Prozent variiert. Bei der Mindestbemessungsgrundlage bedeutet jeder Prozentpunkt Zusatzbeitrag etwa 12,50 Euro mehr pro Monat.
Keine Beitragsbegrenzung nach oben
Anders als in der Pflichtversicherung gibt es bei freiwillig Versicherten keine Beitragsbemessungsgrenze nach oben. Wer als Selbstständiger gut verdient, zahlt auf das komplette Einkommen den vollen Beitragssatz – ohne Obergrenze. Das kann bei höheren Einkommen zu Beiträgen von über 1.000 Euro monatlich führen.
Vergleich mit privaten Alternativen
Private Krankenversicherung für Kinder
Während ein Kind in der freiwilligen GKV mindestens 203,48 Euro monatlich kostet, gibt es hochwertige PKV-Tarife bereits ab etwa 120 Euro. Diese bieten oft bessere Leistungen:
- Freie Arztwahl
- Chefarztbehandlung
- Einzelzimmer im Krankenhaus
- Schnellere Termine
- Bessere Zahnleistungen
Auslandskrankenversicherung als Zwischenlösung
Für temporäre Übergangsphasen kann eine Auslandskrankenversicherung sinnvoll sein. Diese kostet oft nur 30-50 Euro monatlich und bietet weltweiten Schutz – allerdings nur für begrenzte Zeit.
Rechtliche Fallen und administrative Hürden
Der Zwangscharakter der „freiwilligen“ Versicherung
Trotz des Namens ist die freiwillige Krankenversicherung oft alles andere als freiwillig. Wer aus der Pflichtversicherung herausfällt und nicht privat versicherbar ist, muss sich freiwillig gesetzlich versichern. Ein Ausstieg ist nur unter sehr restriktiven Bedingungen möglich.
Rückwirkende Beitragsnachforderungen
Besonders schmerzhaft wird es, wenn die Krankenkasse rückwirkend feststellt, dass eine Familienversicherung nicht möglich war. Dann müssen die vollen freiwilligen Beiträge oft für Jahre nachgezahlt werden – ein finanzieller Schock für viele Familien.
Kündigungsfristen und Wechselhürden
Ein Wechsel aus der freiwilligen GKV in die PKV ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich:
- Einkommen muss dauerhaft über der Jahresarbeitsentgeltgrenze liegen
- Alter unter 55 Jahren
- Gesundheitsprüfung muss bestanden werden
Wann die freiwillige GKV trotzdem sinnvoll sein kann
Fairerweise muss erwähnt werden, dass die freiwillige GKV nicht immer die schlechtere Wahl ist:
Bei Vorerkrankungen
Menschen mit schweren Vorerkrankungen können oft nicht in die PKV wechseln oder nur zu sehr hohen Beiträgen.
Bei unsicherem Einkommen
Wer mit stark schwankenden Einkommen rechnet, profitiert von der einkommensabhängigen Beitragshöhe der GKV.
Kurz vor der Rente
Für Menschen über 55 Jahre ist ein Wechsel in die PKV praktisch nicht mehr möglich.
Die Krankenkassen-Marketing-Falle
Viele Krankenkassen werben aggressiv um freiwillig Versicherte, da diese besonders profitable Kunden sind. Sie zahlen hohe Beiträge, sind aber statistisch gesünder als der Durchschnitt der Pflichtversicherten. Lassen Sie sich nicht von Werbeversprechen wie „besonders günstig für Familien“ blenden – rechnen Sie immer selbst nach.
Checkliste: Sollten Sie bei der freiwilligen GKV bleiben?
Die freiwillige GKV ist wahrscheinlich zu teuer, wenn:
- Sie eine Familie mit Kindern haben
- Ihr Einkommen unter oder knapp über der Mindestbemessungsgrundlage liegt
- Sie selbstständig sind mit schwankendem Einkommen
- Sie unter 55 Jahre alt und gesund sind
Die freiwillige GKV kann sinnvoll sein, wenn:
- Sie Vorerkrankungen haben
- Sie über 55 Jahre alt sind
- Ihr Einkommen sehr stark schwankt
- Sie Wert auf das Solidarprinzip der GKV legen
Handlungsempfehlungen
Für Familien mit Kindern
Prüfen Sie unbedingt private Alternativen. Oft können Sie durch PKV-Kindertarife mehrere hundert Euro monatlich sparen bei besseren Leistungen.
Für Selbstständige
Kalkulieren Sie realistisch mit der Mindestbemessungsgrundlage. Ein Wechsel in die PKV kann sich bereits bei geringen Einkommen lohnen.
Für alle freiwillig Versicherten
Lassen Sie sich professionell beraten. Die Entscheidung sollte nicht emotional, sondern auf Basis konkreter Zahlen getroffen werden.
Fazit: Rechnen statt hoffen
Die freiwillige gesetzliche Krankenversicherung ist längst nicht so sozial und günstig, wie viele glauben. Besonders Familien zahlen oft das Doppelte oder Dreifache dessen, was eine private Absicherung kosten würde. Der Name „freiwillig“ ist dabei irreführend – oft handelt es sich um eine teure Zwangslösung.
Bevor Sie sich für die freiwillige GKV entscheiden oder dabei bleiben, sollten Sie alle Alternativen durchrechnen. Die vermeintlich einfache und sichere Lösung kann sich als finanzielle Belastung entpuppen, die über Jahre oder Jahrzehnte Ihre Haushaltskasse stark belastet.
Die wichtigste Erkenntnis: Lassen Sie sich nicht von Hörensagen oder Krankenkassen-Marketing leiten. Rechnen Sie selbst – und lassen Sie sich dabei professionell unterstützen. Ihre Gesundheit verdient den besten Schutz zum fairen Preis, nicht den teuersten Schutz mit der besten Werbung.
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